21.10.2008

Das Leben am Bodensee auch noch heute im Zeichen der Eiszeit


Der Bodensee ist für die Bewohner an seinem Ufer ein fester Teil ihres Lebens. Doch der See würde heute nicht existieren, hätte der Rheingletscher die Seeregion vor rund 20 000 Jahren nicht unter einem dicken Eispanzer begraben.

Corina Tobler

Die zunehmende Verlandung des Bodenseeufers war im Sommer wiederholt Gesprächsthema. Im Rahmen der Endgestaltung des Alten Rheins wurden mehrere zehntausend Kubikmeter Sedimente ausgebaggert, um die Deltabildung zu stoppen. Auch das Strandbad Rorschach ist betroffen. Die Versandung der Uferzone macht die Benutzung des Sprungturms riskant.

1200 Meter Eis

Der Rhein transportiert nicht erst seit jüngerer Zeit Sedimente in den Bodensee, sondern seit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 10 000 Jahren. Der Fluss selbst, der Bodensee und die gesamte Landschaft darum herum sind vom Eis geformt worden. «Vor der Eiszeit gab es keinen Bodensee. Die ganze Region war ein Hochland und lag 800 Meter über Meer», sagt Oskar Keller, Geograph und Glazialgeologe. Mit dem Vorstoss der Gletscher vor etwa 25 000 Jahren begrub der Rheingletscher das Hochland unter sich und begann in den Untergrund zu erodieren, rund 900 Meter tief – eine Dimension, die nur ein Gletscher erreichen kann. Der Eispanzer war zur Zeit der grössten Vergletscherung bis zu 1200 Meter mächtig. Die Gesteinspartikel im Eis schliffen die heutige, sanfte Landschaftsform.

Die Entstehung des Bodensees begann vor rund 15 000 Jahren, als der Rheingletscher sich wieder zurückzog. «Dieser Rückzug verlief aber nicht regelmässig, sondern in einzelnen Phasen. Nach längerem Rückzug folgte immer wieder ein kleiner Vorstoss, durch den sich rund um die Gletscherfront ein Moränenwall bildete», erklärt Keller. Vor der Entstehung des Bodensees schüttete das Eis einen solchen Wall auf der Höhe Konstanz auf.

Bodensee ist ein Gletschersee

Als dann der Gletscher innert tausend Jahren um rund 60 Kilometer schrumpfte, staute sich das Schmelzwasser hinter der Moräne und füllte als Bodensee das Becken aus, das der Gletscher ausgehöhlt hatte. «Der See folgte dem Eis bis hinauf nach Chur, hatte also einst fast die doppelte Fläche. Mit der Zeit wurde der See im Rheintal aber vom Bodensee getrennt und mit Sedimenten aufgefüllt. So verschwand er», sagt Keller. Nun transportiert der Rhein sein Geschiebe in den Bodensee und füllt auch ihn zusehends auf.

Dies macht Massnahmen wie die Ausbaggerung der Rheinmündung nötig, um zu verhindern, dass ein Delta gebildet wird. Angesichts der Tatsache, dass die Mündung jedes Jahr bis zu zwanzig Meter in den See vorstösst, stellt sich die Frage, wann der Bodensee vollständig aufgefüllt sein wird. «Es ist schwierig vorherzusagen, wann das der Fall sein wird, aber es dürfte wohl etwa 100 000 Jahre dauern. Die nächste Eiszeit sollte aber viel früher einsetzen», prognostiziert Keller. Der Bodensee, einst aus dem Eis entstanden, wird also höchstwahrscheinlich wieder zu Eis werden, bevor er vollständig verlandet.

Weinbau auf der Moräne

Der Bodensee ist aber nicht das einzige Relikt der Eiszeit. Auch kleinräumig können aufmerksame Beobachter die Spuren des Eises erkennen. «Es gibt in der Region Rorschach mehrere Eisrandterrassen, ebene Flächen quer zur Hangneigung. Auch Moränenwälle sind gut sichtbar. Sie bestehen aus bis zu 100 Meter hohem Lockermaterial, das der Rheingletscher seitlich angehäuft hat», sagt Keller. Ein Beispiel für einen solchen Wall ist der Sulzberg, wo am Südhang gerade die Reben gelesen wurden. Auch am Buechberg, bei Eggersriet und in Untereggen sind solche Wälle sichtbar. Die katholische Kirche Untereggen steht auf einem.

Eine richtige Fundgrube für Gletscherspuren ist auch das Gebiet um den Mötteliweiher. «Hier gab es einst ein Flusstal. Der Fluss wurde aber gestaut und so entstand der Weiher», erklärt Keller. Nebst der Tatsache, dass sie aus Lockermaterial und nicht aus festem Fels bestehen, haben all diese glazialen Formen eine weitere Eigenschaft, die sie auch für Laien erkenntlich macht: ihre Ausrichtung. «Bei Wällen und Hügeln, die quer zum Hang liegen, besteht immer Gletscherverdacht», sagt Keller schmunzelnd.

Findlinge aus dem Graubünden

Die wohl bekannteste glaziale Form sind Findlinge. Ein Geologe erkennt sie daran, dass sie einer Gesteinsart angehören, die in der Region eigentlich nicht vorkommt. Auch in der Seeregion gibt es solche Gesteinsblöcke, die auf dem Gletscher vom Graubünden her mitgeführt wurden. Der bekannteste Findling der Gegend liegt im Koblenwald bei Rorschacherberg. Kleinere Blöcke gibt es auch im Goldachtobel.

Zwar ist oft ein geübtes Auge nötig, um solch feine Spuren des Gletschers in der Landschaft zu erkennen. Doch der Einfluss der Eiszeit auf das Leben am Bodensee ist auch 10 000 Jahre nach ihrem Ende rund ums Jahr gross. Ohne die eiszeitliche Vergletscherung wären weder Spaziergänge über die Hügel im Frühling noch der erfrischende Sprung in den Bodensee im Sommer, die Weinlese auf dem Sulzberg im Herbst oder der Schlittelspass im Winter möglich.

Quelle: Tagblatt.ch
Verweis: Zum Originalartikel

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